WUCHERUNGEN.txt

2017: WUCHERUNGEN.txt

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Es wuchert. Allerorten. So als Grundkonstante – dass da was ist, was da eigentlich nicht sein soll. Da hat man was übersehen, ein Körnchen, einen Grashalm, und schon ist da Urwald, wo Straßenpflaster hingehört. Aus dem Beton schießende Löwenzahnstängel haben wir seit Kindheitstagen schätzen gelernt, noch ehe wir vom Rhizom hörten: Lust (an) der Wildnis, dem grauen deutschen Ordnungsgeist entgegengesetzt. Daran können weder die Überbleibsel der ironisch-provokanten Beton-Sakralität der No-Future-Generation etwas ändern noch die unschönen Wucherungen, die selbst Peter Lustig gerne beschneiden würde wie Nachbar Paschulke seinen Rasen: Metastasen und Psychosen.

Nachdem sich das txt-Festival im letzten Juni an der Unlesbarkeit abarbeitete – und damit auch an Texten, von denen zu wenig da ist, Ungeschriebenes, Ausgedachtes, Fragmentarisches – beschäftigt es sich in diesem Jahr mit Texten, von denen es, scheinbar, zu viel gibt: Texte, die sich nicht an die Normen halten, die Lesegewohnheit und Verlagsökonomien setzen, die inhaltlich und stilistisch einfach immer weiter wachsen, ohne bloß barock überbordend zu sein: Wucherungen.

Wuchernde Texte sind solche, bei denen der Text zu übernehmen scheint, der*die Autor*in als Gärtner*in noch schnibbeln kann, aber scheinbar ein wenig die Kontrolle verloren hat über das, was in der Sprache sich tut, bei denen die Schreibenden sich willfährig dem Spiel der Worte hingeben und ihrem Drang, sich selbst immer weiter zu erzählen.

Natürlich schlagen die Vereine Kulturrausch und Lit|Art Thüringen damit wieder in eine ähnliche Kerbe wie zuletzt – Grenzregionen der Literatur statt den erzählerischen Mainstream nach Erfurt zu bringen. Selbst die Helden sind gleich geblieben: Die im letzten Jahr eingeladenen Dietmar Dath und Alban Nikolai Herbst könnten mit ihrem wuchernden Werk auch diesmal wieder dabei sein – Herbsts ‚Anderswelt‘-Blog nennt sich nicht umsonst: ‚Dschungel‘ – und auch die stillen Gestalten im Hintergrund, die post-narrativen Toten Proust, Wallace, Bolaño, könnten dem hier beschworenen Genre ‚wuchernde Literatur‘ wenig riskant zugeordnet werden.

 

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VerNETZt flechten:

 

04.05.2107 ab 20Uhr – Altes Flechtwerk Erfurt:  Flechttechnik, Erfurt

in Kooperation mit FÖN in RESIDENCE

Erstens Flechten_txt 2017

Lesung und Offene Bühne

mit u.a. Nancy Hünger und Peter Neumann