Erstens: Flechten

VerNETZt flechten

04.05.2107 ab 20Uhr – Altes Flechtwerk Erfurt:  Flechttechnik, Erfurt

Erstens Flechten_txt 2017

 

Lesung und Offene Bühne

mit u.a. Stefan Petermann und Peter Neumann  

und der Aktionsgruppe Eskapismus

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in Kooperation mit FÖN in RESIDENCE

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*** WIR FLECHTEN ***
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zusammen mit Peter Neumann und Stefan Petermann, der Aktionsgruppe Eskapismus und Gäste,
in Kooperation mit FÖN und gut
 
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*** UND FÄDELN AUS ***
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mit einer Offenen Bühne
 
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***UNTERSICHT***
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Gemäß des wuchernden Flechtens, der sich verflechtenden Wucherung, einer fädelnden Wucherung, die Teil I unserers Jahresthemas darstellt, wächst sich das .txt 2017, gelöst von einem starren Wochenende, übers Jahr aus. Als Auftakt – der, folgt man der Logik des Rhizoms kein! Anfangspunkt sein kann – fokussieren wir mit „Erstens: Flechten“ die meshwork-artige Literaturlandschaft Thüringens als Feld der Relationen und sich verwandernden Pfade. Keine feststehenden und festgeschriebenen Punkte der (Übersichts-)Karte, sondern Fortlauf, Transformation sowie Potential.
 
Dafür kulminieren knotig auf der Bühne Freude des Hauses wie Peter Neumann, Stefan Petermann und die Aktionsgruppe Eskapismus mit dem Unerwartbaren, der ultimativen Kontingenz einer Offenen Bühne.
Ihr, wir und die Bühne: Geflecht in Emergenz. Kommt und bleibt Teil!
 
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***ÜBERSICHT***
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Stefan Petermann:
Stefan Petermann wurde 1978 in Werdau geboren und lebt in Weimar. Er studierte an der Bauhaus Universität in Weimar. 2009 veröffenlichte er seinen Debütroman „Der Schlaf und das Flüstern“ und seither weitere Romane und Erzählbände. Petermann wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Publikumspreis beim 14. MDR Literaturwettbewerb. Er erhielt das Autorenstipendium des Landes Thüringen, das Stipendium des Literaturhauses Bremen und ist Mitbegründer des Filmkollektivs 1meter60 Film.
 
Peter Neumann:
Peter Neumann studierte Philosophie, Politikwissenschaften und Wirtschaftswissenschaften an den Universitäten Jena und Kopenhagen. Seit 2013 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Philosophie mit Schwerpunkt auf dem Gebiet des deutschen Idealismus in Jena. Als Lyriker gewann er zahlreiche Auszeichnungen, so 2008 den Eobanus-Hessus-Schreibwettbewerb der Stadt Erfurt sowie 2008 und 2009 den Förderpreis des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen. 2012 erhielt Neumann ein Arbeitsstipendium des Freistaates Thüringen für seine literarischen Arbeiten. Er ist Mitorganisator der Unabhängigen Lesereihe „In guter Nachbarschaft“ in Erfurt, Jena und Weimar.
 
Aktionsgruppe Eskapismus:
Die Aktionsgruppe Eskapismus wurde von den Initiatoren Antje Lampe, Frederic Schulz und Christoph Große (Fuchstraum) gegründet, als ein aktives Netzwerk Thüringer Künstler.
 
Jeder, der schreibt, ist ein Eskapist, denn er entflieht der Welt und sei es nur, indem er sie transformiert. Die Flucht in die Worte auf Papier und Bildschirm ist es, was uns eint. Hier können wir neue Welten erschaffen, oder die bestehende spiegeln. In diesem Rückzug erfahren wir uns selbst.
 
zu Gast:
veygn
My music is like weather in april. It’s spitting out feelings – sunny, sad,heavy, pure…always honest.
 
veygn is like a relationship, where you give each other the space to be exactly who one wants to be and let it grow.
 
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*** MÖGLICHKEITSBEDINGUNG***
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Eine Veranstaltung des Kulturrausch e.V. und LitArt Thüringen e.V. im Rahmen des .txt Festivals 2017
mit freundlicher Unterstützung der Kulturdirektion der Stadt Erfurt sowie der Kulturstiftung des Freistaats Thüringen

WUCHERUNGEN.txt

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Es wuchert. Allerorten. So als Grundkonstante – dass da was ist, was da eigentlich nicht sein soll. Da hat man was übersehen, ein Körnchen, einen Grashalm, und schon ist da Urwald, wo Straßenpflaster hingehört. Aus dem Beton schießende Löwenzahnstängel haben wir seit Kindheitstagen schätzen gelernt, noch ehe wir vom Rhizom hörten: Lust (an) der Wildnis, dem grauen deutschen Ordnungsgeist entgegengesetzt. Daran können weder die Überbleibsel der ironisch-provokanten Beton-Sakralität der No-Future-Generation etwas ändern noch die unschönen Wucherungen, die selbst Peter Lustig gerne beschneiden würde wie Nachbar Paschulke seinen Rasen: Metastasen und Psychosen.

Nachdem sich das txt-Festival im letzten Juni an der Unlesbarkeit abarbeitete – und damit auch an Texten, von denen zu wenig da ist, Ungeschriebenes, Ausgedachtes, Fragmentarisches – beschäftigt es sich in diesem Jahr mit Texten, von denen es, scheinbar, zu viel gibt: Texte, die sich nicht an die Normen halten, die Lesegewohnheit und Verlagsökonomien setzen, die inhaltlich und stilistisch einfach immer weiter wachsen, ohne bloß barock überbordend zu sein: Wucherungen.

Wuchernde Texte sind solche, bei denen der Text zu übernehmen scheint, der*die Autor*in als Gärtner*in noch schnibbeln kann, aber scheinbar ein wenig die Kontrolle verloren hat über das, was in der Sprache sich tut, bei denen die Schreibenden sich willfährig dem Spiel der Worte hingeben und ihrem Drang, sich selbst immer weiter zu erzählen.

Natürlich schlagen die Vereine Kulturrausch und Lit|Art Thüringen damit wieder in eine ähnliche Kerbe wie zuletzt – Grenzregionen der Literatur statt den erzählerischen Mainstream nach Erfurt zu bringen. Selbst die Helden sind gleich geblieben: Die im letzten Jahr eingeladenen Dietmar Dath und Alban Nikolai Herbst könnten mit ihrem wuchernden Werk auch diesmal wieder dabei sein – Herbsts ‚Anderswelt‘-Blog nennt sich nicht umsonst: ‚Dschungel‘ – und auch die stillen Gestalten im Hintergrund, die post-narrativen Toten Proust, Wallace, Bolaño, könnten dem hier beschworenen Genre ‚wuchernde Literatur‘ wenig riskant zugeordnet werden.

César Aira. Eine Reise in die argentinische Pampa.

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Eine Reise in die argentinische Pampa. Akrobatik, aberwitzige Sprünge, Plots, die das scheinbar einmal aufgenommene Genre sprengen und den Leser aus der vorerst eingerichteten Gemütlichkeit des Lesestroms herauskatapultieren, um diesen mit Rätseln und Unvorstellbarkeiten auf bezaubernde Weise zu faszinieren. An der Tradition einer lateinamerikanischen Literatur, die häufig unter dem Schlüsselbegriff des magischen Realismus zusammengefasst wird, arbeitet sich auch der wohl raffinierteste lateinamerikanische Autor der Gegenwart, César Aira, ab. Seine Romane und Novellen sind immer wieder abschreitbare Labyrinthe, in denen sich nicht nur der eigentliche Plot in unvorhersehbaren Wegen verwindet. Auch die besiedelten Räume, die auftretenden Personen schlagen aus, winden sich im phantastischen Hohlraum zwischen Fakt und Fiktion und lassen somit immer neue Konfigurationen entstehen, die in der Dichte des Immermöglichen wuchern.

Der Workshop und die Lesung widmen sich in Anwesenheit des Autors und des Romanisten Prof. Dr. Jörg Dünne den beiden Neuerscheinungen »Eine kurze Episode im Leben eines Landschaftsmalers« und »Duchamp in Mexiko« in der Bibliothek César Aira bei Matthes & Seitz.

Eine Veranstaltung des Literaturfestival Erfurt in Kooperation mit der Universität Erfurt, dem Studentenwerk Thüringen und dem Kunsthaus Erfurt.

Weitere Informationen unter:  www.txt-festival.org

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Die Pampa als literarischer Raum. Reading-Workshop, geleitet durch Prof. Dr. Jörg Dünne.

19.09.2016 von 14 – 17 Uhr

Uni Campus Nordhäuser Straße: LG 4 / D07

Voranmeldung unter: max.walther@uni-erfurt.de

Teilnahme kostenlos.

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César Aira. Eine Reise in die argentinische Pampa: Lesung und Gespräch.

19.09.2016 um 20 Uhr im Kunsthaus Erfurt, Michaelisstraße 34.

6€, ermäßigt 4€

weitere Informationen:

Der Roman »Eine kurze Episode im Leben eines Landschaftsmalers« erscheint Ende Juli bei Matthes & Seitz Berlin: Der Augsburger Maler Johann Moritz Rugendas erreicht 1831 zusammen mit Alexander von Humboldt Lateinamerika. Als Landschafts- und Naturmaler soll er die Forschungen des Entdeckers durch Illustrationen unterstützen. Auf dem Weg von Chile nach Buenos Aires passieren sie einen unheimlich anmutenden Landstrich, bald zieht ein nachtschwarzes Gewitter auf und entlädt sich über ihnen. Rugendas wird vom Blitz getroffen. Er überlebt, doch er verfängt sich im Steigbügel und das erschreckte Pferd bricht aus und schleift ihn mit sich. Auch diese Tortur überlebt er, aber sein Gesicht wird aufs Fürchterlichste entstellt. Von nun an im Morphiumrausch, um die Schmerzen zu ertragen, malt er Bilder von atemberau-bender Wucht. Auf seiner Jagd nach immer spektakuläreren Motiven wagt er sich eines Tages ins Zentrum eines echten Indianer überfalls, doch diesmal scheint seine Obsession zu weit zu gehen.

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»Duchamp in Mexiko« erscheint ebenfalls Ende Juli bei Matthes & Seitz Berlin und versammelt drei zentrale Essays César Airas, die ihn erstmals nicht nur als genialen Autor von Novellen und Romanen zeigen, sondern ihm die Möglichkeit geben, sein eigenständiges und stilistisch virtuoses Nachdenken über Kunst und Literatur zu entdecken. Ausgehend von Marcel Duchamp über de Chirico bis Lezama Lima entwickelt Aira in den Texten eine eigene Theorie der modernen Kunst und reicht dem Leser unter der Hand zudem einen Schlüssel für seine eigenen Texte. Mit Duchamp in Mexiko überführt César Aira die Avantgarde nun auch konzeptionell ins neue Jahrhundert.

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César Aira, geboren 1949 in Coronel Pringles, veröffentlichte bisher über 80 Bücher: Romane, Novellen, Geschichten und Essays. Darüber hinaus übersetzt er aus dem Englischen, Französischen und Portugiesischen und lehrt an den Hochschulen von Rosario und Buenos Aires, wo er heute lebt. Aira gilt als einer der wichtigsten lateinamerikanischen Autoren der Gegenwart – und als ihr raffiniertester. Seine Texte überraschen durch Genresprünge, aberwitzige und riskante Erzählkonstruktionen und Plots.

Literatur: Michael Fehr – Kurz vor der Erlösung

von Jan Walkowiak

„In der ‚edition spoken script‘ erscheinen Texte, die zunächst fürs Vortragen geschrieben wurden oder sich am mündlichen Erzählen orientieren. […] Gemeinsam ist den AutorInnen und Texten eine ausgesprochene Sensibilität fürs Mündliche, für Rhythmus und Musikalität der Sprache – für die Performance im Wort.“ (aus dem Klappentext)

Was hat man nun mit diesem Buch vor sich? Gedichte? Geschichten? Sätze?

Die Antwort ist einfach: alles.

Der Band ist mit dem Zusatz „Siebzehn Sätze“ versehen. Fehr verzichtet jedoch auf jegliche Interpunktion. Nicht der grammatikalische Satz scheint somit vordergründig gemeint zu sein – außer vielleicht als Sinneinheit -, eher der musikalische Satz als geschlossener Teil einer mehrteiligen Komposition, sowie der Satz als Sprung, der nötig ist um an die jeweiligen Orte der gleichzeitig stattfindenden Momentaufnahmen zu gelangen.

Die einzelnen „Sätze“ erzählen von einem Bauern, der ein Zigeunerpaar in seiner Scheune bei der Geburt eines Kindes aufstöbert; von drei Königen, die sich, einem Stern folgend, auf Reittieren durch ihre Wüsten begeben; aber auch von einem Jäger „im lodeligen/ also lotterigen/ lützelen/ also wackeligen/ wankenden/ schwankenden/ schaukelnden/ knarrenden/ knarzenden/ gierenden Hochstand“; von einem „scheinbaren Fischer und wirklichen Säufer“ am nächtlichen, eisigen Strome; von einer „antipopulären und extraordinären Musikgruppe“ in den Überresten einer alten Tankstelle und einer „ordinären und populären Musikgruppe“ im Fernsehstudio; von einem Männerchor „rund um den speckschwartigen/ also speckschwartenartigen Stammtisch“ einer altertümlichen Gaststube; sowie von einem sterbenden Soldaten der königlichen Kriegsarmee.

Verbunden sind diese (und weitere) Geschichten nicht lediglich durch ihre Gleichzeitigkeit des Geschehens am Heiligabend, sondern auch durch Variationen verschiedener Motive. Die offensichtlichste und direkteste Verbindung besteht im Vernehmen von Glockengeläut am Ende der einzelnen „Sätze“, sowie dem gemeinsamen „Melodieren und Modulieren“ des (H)Alleluja.

Nun aber vom WAS zum Wie, vom Erzählten zur Art und Weise des Erzählens. Genau genommen ist Michael Fehr kein Schrift-Steller, kein Schrift-Setzer, sondern ein Schrift-Sprecher. Auf Grund einer starken Beeinträchtigung seines Sehvermögens diktiert er seine Texte in ein Aufnahmeprogramm. Diese Oralität ist spürbar im Prozess des Lesens. Fehrs Spiel mit Lauten und Bedeutungen regt die Stimme im Kopf des Lesers an, sein Rhythmus reißt mit, lässt sowohl fließen als auch stolpern, finden und verlieren. Immer wieder gerät der Leser in schlaufenartige Ausdifferenzierungen bestimmter Details. Seine Sprache ist visuell und plastisch, seine Sprachgebilde geradezu haptisch.

Fehr - Kurz vor der Erlösung - Cover (1)

 

Michael Fehr: Kurz vor der Erlösung (2013)

Der gesunde Menschenversand

edition spoken script

ISBN 978-3-905825-51-0

Call for Participation: Live-Illustration, 2.7.2015

Liebe Kreative,

für die Premiere eines neuen Formats der Lyrik-Präsentation am 02.07.2015 in Erfurt sucht der LitArt|Thüringen aus Euren Reihen

2 Live-Illustrator*innen

Wir bieten: €50 Fixgage + Erlös aus Spenden

Wir erbitten: Eine kurze Selbstbeschreibung, aus der eure Beziehung zu zeitgenössischer Lyrik hervorgeht sowie eure Erfahrung mit / die geplante Herangehensweise an die Live-Illustration, dazu eine knapp gehaltene digitale Mappe mit Beispiel-Illustrationen/Zeichnungen/Malerei an folgende

Kontaktadresse: info@literaturfestival-erfurt.de

Deadline für Einreichungen ist der 31.05.2015

Wir freuen uns auf zahlreiche Einsendungen und eine tolle Veranstaltung im Sommer in Erfurt! Bei Fragen, Kritik, Anmerkungsbedarf schickt gerne eine Mail an Steffen Greiner: steffen.greiner@literaturfestival-erfurt.de!

Literatur: Norbert Scheuer – Die Sprache der Vögel

von Anne-Sophie Müller

„Unser Leben ist nicht wie das der Vögel, wir können uns nie so sicher sein wie sie. Unsere Sprache vergeht, wir treffen nie die richtige Melodie, weil unsere Gedanken und Gewohnheiten sich zu schnell ändern.“

Paul Arimond kommt 2003 als Sanitätsobergefreiter der ISAF nach Afghanistan. In den langen Wartezeiten zwischen den Einsätzen in der sengenden Hitze oder strengen Kälte, observiert und dokumentiert er die einheimischen Vögel. Ganz in Tradition seines väterlichen Vorfahren Ambrosius, dessen Aufzeichnungen über das Vogeldorado Afghanistan Pauls Interesse für gefährliche Orte wecken. Seine überbordende Passion, begleitet von Schuldgefühlen, den Hirnschaden seines besten Freundes verursacht zu haben, treibt ihn immer weiter an den Rand seiner eigenen Berechenbarkeit.

Arimonds Tagebuchnotizen erweisen sich als Close-ups der Monotonie des Lagerlebens. Doch der Krieg und seine Ausläufer- der permanente Raketenbeschuss oder schwer verletzte Soldaten- sind allein ‚Randfokus‘ des Protagonisten. Einzig die Vielfalt der Vögel, ihre präzise Bestimmung, ihr leichter Flug und ihre Sprache bewegen sein Innerstes zu gedankenverlorener und ausufernder Faszination.

Erinnerungen an Pauls Familie in aufregender Stille, die Freunde in splitternder Hilflosigkeit und die ernüchternden Kriegserlebnisse – Die Sprache der Vögel entpuppt sich als fragmentarische Atemnot, die mit jedem Absatz fühlbare Leerstellen hinterlässt: Zwischen dem Donnern des Krieges und dem leichten, vollendeten Singen der Vögel. Zwischen den beengenden traumatischen Erlebnissen der Heimat und der Suche nach dem Selbst. Zwischen dem umzäunten Lager und der geistigen Freiheit, in der Literatur – mit Zitaten von Thoreau, Emerson, Goethe; und nicht zuletzt in der luftigen Weite.

Sie können nicht überbrückt werden, zeigen aber eines: den Sieg der unerreichbar unberührten Natur über die alptraumartigen Strukturen des Menschen.

Der aufwendig recherchierte Roman mit Literaturverzeichnis führt Norbert Scheuer erstmals in den Mittleren Osten und zu einer Thematik, die, mit dem letztjährigen Schlussakt des ISAF-Einsatzes, nach einer neuen Verarbeitung schreit. Er verleiht der Kriegsauseinandersetzung mit dem bereits im ‚Scheueruniversum‘ tradierten Familiengeäst Arimond ein distanziertes Gesicht mit ornithologischer Naturperspektive. Auch ohne das Örtchen Kall kommt der Plot nicht aus. So führen Erinnerungsfetzen und Parallelstränge den Leser immer wieder zurück in die bekannte Eifelprovinz (u.a. Flußabwärts, 2002; Überm Rauschen, 2009; Peehs Liebe, 2012), wobei die vielschichtige Erzählstruktur auch ohne die retrospektive Sichtweise Pauls alter Lehrerin Helena auskommen würde.

Sprachlich in bekannter lakonischer Sparsamkeit, thematisiert er tiefsinnig die bedrückenden menschlichen Fehlbarkeiten, Auswirkungen von Traumata und den Wunsch die beengende Schwere des Menschseins abzustreifen, um sich in der federleichten, vom Winde getragenen Freiheit aufzulösen.

Begleitet werden die 237 Seiten mit wunderschönen Kaffeeaquarellen der Vögel, gezeichnet von Sohn Erasmus Scheuer, die die eindringliche Geschichte um ein erlesenes Detail erweitern.

Ein berechtigter Platz auf der Shortlist des diesjährigen Leipziger Buchpreises!

scheuerNorbert Scheuer

Die Sprache der Vögel

erschienen bei C.H.Beck, München 2015

Presseschau: Kultur & Gespenster #15

von Steffen Greiner

Durchatmen, es gibt sie noch. Kultur & Gespenster still und leise verabschieden zu müssen, wie ich es fast befürchtet habe, nachdem allzu lange Schweigen im Hause Textem zu herrschen schien, wäre wahrlich ein Verlust für die deutschsprachige Magazinlandschaft, unabhängig davon, wie viele kleine geile Sachen für den Coffee-Table da gerade nachwachsen: Immerhin das Heft, das einmal eine Ausgabe dem Nachdruck der Sagen, Märchen und Lieder der Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg von Karl Müllenhoff widmete, Ersterscheinen 1845 (#12, Märchen) und mit einer absurd schönen Sammlung von Fanpost an Teddy Adorno beglückte (#13, Stabile Seitenlage).

Ausgabe #15, im Februar erschienen, trägt den schon fast konzeptuellen Titel Ghostbusters und zitiert im Editorial das (ewig als intellektuelle Fundgrube unterschätzte) Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, um in fünf Themenblöcke einzuleiten: Abwehrriten werden beschworen. Bloß halbironisch „Das absolute Wissen“ getauft, steigt das erste Kapitel in die großen Fragen ein, die Gespenster stellen, „die uns aus der jüngeren Vergangenheit anfallen“ – es sind dies offenkundig die Gespenster, die die Taue stramm halten, die das Große Ganze mit Kunst & Kunstmarkt verbinden. Den Auftakt macht Into the White Cube von Philipp Felsch, ein Auszug aus dessen endlich ins Da-Sein getretenen Langen Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960-1990 (C.H.Beck), der die Bewegung der Theorie in die Kunst hin zur Mimesis nachzeichnet anhand der kleinen Bewegungen der Merve-Gründer*innen Heidi Paris und Peter Gente im Frühling des Jahres 1979, von Tunix nach Monte Verità. Natürlich geht es um Berlin, das sich in jenen Jahren, wie Blanchot schreibt, als Stein gewordener Poststrukturalismus präsentierte, ein Ort, der dem Gerücht vom Posthistoire ein kaltes, aber doch pervers verführerisches Gesicht zu geben mochte. Um Berlin geht es auch im schon beinahe historischen (2008!) Text von Roberto Orth, Die schöne Kunst und das Biest der deutschen Geschichte, der die Markenzeichen „deutsch“, „männlich“, „malerisch wild“ und „expressionistisch“ von Anselm Kiefer bis Jonathan Meese verfolgt – letzterer käme, behaupte ich einmal, heute sicher nicht so gut weg, von Berlin einmal ganz abgesehen, das in diesem Katalogtext zu einer Ausstellung in der Rubell Family Collection in Miami noch einmal ganz Magnet sein darf, aber durchaus spooky: „Nicht anderes ist das Ziel dieser Diskussion: der historisch lädierten Nation durch Rehabilitierung in der Kultur das zukommen zu lassen, was ihr als einer führenden Wirtschaftsmacht eigentlich zustände.“ Leider krankt der Text weitgehend an seinem Genre, wenn er sich lange einzelner Künstler annimmt – dankenswerterweise werden die Ausführungen zu Andy Hope 1930 ausführlich bebildert.

Wer bei jeglicher Art Berlin-Diskurs mittlerweile nur noch müde mit den Achseln zuckt – es sei denn natürlich, es ist, haha, Hochgeistiges im Spiel oder, im Gegenteil, schlimmer noch, nüchterner Smalltalk nötig, über den man sich schon im Aussprechen ärgert (und das betrifft möglicherweise alle Berliner*innen und somit einen angenommenen Großteil des Publikums von Kultur & Gespenster) – kann sich dann auf einen Blick in den Block „Das Gesetz des Herzens und der Wahnsinn des Eigendünkels“ freuen. Nora Sduns Weiterwursteln gibt nicht nur Einblick in den Betrieb einer Hamburger Galerie, sondern ist die beinahe Bernhardesk böseste Beschreibung von Alltag in Deutschland, die ich lange gelesen habe. „Für die Analyse von Konflikten haben Soziologen ein handliches Besteck entwickelt. Es gibt ‚Win-Win’- ‚Win-Lose’- und ‚Lose-Lose’-Situationen. Für den Bereich bildende Kunst könnte man den Baukasten erweitern um den wichtigen Bestandteil: ‚Weiterwursteln’“, wird prägnant erklärt – und dann geht es los. Einen ähnlich ungewöhnlichen Blick hinter die Kulissen des Kunstmarkts bietet der weniger böse, aber nicht weniger tolle Text von Sabine Falk, die beschreibt, wie Fabrikarbeit und Kunst in der Arbeitsbezeichnung ‚art fabricator’ zusammentreffen, an den Nahtstellen von eigenem künstlerischen Talent und handwerklicher Auftragsarbeit: Wie arbeitet man einen Jeff Koons?, fragt sie angesichts ihrer Anstellung bei der Firma, die den Prototypen für Koons Balloon Dog fertigte. Die Frage, ob „Koons nicht den Kapitalismus als solchen bebildert und ihm dabei Symptome in Form von Skulpturen“ abringe, werden sich nach der Lektüre nicht bloß Marxist*innen stellen: „Er entfremdet kulturelles und soziales Kapital, ohne das seine Skulpturen nicht fertigzustellen wären. Es fragt sich, was das für ein Kunstbegriff ist, der andere Menschen nicht Subjekte sein lassen kann.“

Es folgt: Ein skurriler Vergleich des deutschen Heimatfilms mit seinem britischen Pendant, in dem die Zombies und Satanisten auch als solche gezeichnet werden dürfen – Horror Heimat, heißt der amüsante (und amüsant bebilderte) Essay von Sebastian Burdach. Amüsant auch: Die Bildstrecke Und im Sommer tu ich malen von Hank Schmidt in der Beek. Der Freund der literarischen Fiktion wird zum Grande Finale mit einem auch ganz hübschen Text des bildenden aber ach: natürlich rundumschlagenden Hamburger Künstlers Stefan Sandrock beglückt, der letzte linke Student hingegen mit dem Glossary of Hand Gestures for Critical Discussions, als Plakat gestaltet von Jasmine Johnson und Alice May Williams, die, und damit ist die Leser*innenschaft in die Weiten des Netzes und an den nächsten Bahnhofskiosk – lohnt sich nämlich, diese Nummer Fünfzehn! – entlassen, sich zu allerköstlichstem wissenden Genuss ebenfalls hier verbreiten.

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