Literatur: Michael Fehr – Kurz vor der Erlösung

von Jan Walkowiak

„In der ‚edition spoken script‘ erscheinen Texte, die zunächst fürs Vortragen geschrieben wurden oder sich am mündlichen Erzählen orientieren. […] Gemeinsam ist den AutorInnen und Texten eine ausgesprochene Sensibilität fürs Mündliche, für Rhythmus und Musikalität der Sprache – für die Performance im Wort.“ (aus dem Klappentext)

Was hat man nun mit diesem Buch vor sich? Gedichte? Geschichten? Sätze?

Die Antwort ist einfach: alles.

Der Band ist mit dem Zusatz „Siebzehn Sätze“ versehen. Fehr verzichtet jedoch auf jegliche Interpunktion. Nicht der grammatikalische Satz scheint somit vordergründig gemeint zu sein – außer vielleicht als Sinneinheit -, eher der musikalische Satz als geschlossener Teil einer mehrteiligen Komposition, sowie der Satz als Sprung, der nötig ist um an die jeweiligen Orte der gleichzeitig stattfindenden Momentaufnahmen zu gelangen.

Die einzelnen „Sätze“ erzählen von einem Bauern, der ein Zigeunerpaar in seiner Scheune bei der Geburt eines Kindes aufstöbert; von drei Königen, die sich, einem Stern folgend, auf Reittieren durch ihre Wüsten begeben; aber auch von einem Jäger „im lodeligen/ also lotterigen/ lützelen/ also wackeligen/ wankenden/ schwankenden/ schaukelnden/ knarrenden/ knarzenden/ gierenden Hochstand“; von einem „scheinbaren Fischer und wirklichen Säufer“ am nächtlichen, eisigen Strome; von einer „antipopulären und extraordinären Musikgruppe“ in den Überresten einer alten Tankstelle und einer „ordinären und populären Musikgruppe“ im Fernsehstudio; von einem Männerchor „rund um den speckschwartigen/ also speckschwartenartigen Stammtisch“ einer altertümlichen Gaststube; sowie von einem sterbenden Soldaten der königlichen Kriegsarmee.

Verbunden sind diese (und weitere) Geschichten nicht lediglich durch ihre Gleichzeitigkeit des Geschehens am Heiligabend, sondern auch durch Variationen verschiedener Motive. Die offensichtlichste und direkteste Verbindung besteht im Vernehmen von Glockengeläut am Ende der einzelnen „Sätze“, sowie dem gemeinsamen „Melodieren und Modulieren“ des (H)Alleluja.

Nun aber vom WAS zum Wie, vom Erzählten zur Art und Weise des Erzählens. Genau genommen ist Michael Fehr kein Schrift-Steller, kein Schrift-Setzer, sondern ein Schrift-Sprecher. Auf Grund einer starken Beeinträchtigung seines Sehvermögens diktiert er seine Texte in ein Aufnahmeprogramm. Diese Oralität ist spürbar im Prozess des Lesens. Fehrs Spiel mit Lauten und Bedeutungen regt die Stimme im Kopf des Lesers an, sein Rhythmus reißt mit, lässt sowohl fließen als auch stolpern, finden und verlieren. Immer wieder gerät der Leser in schlaufenartige Ausdifferenzierungen bestimmter Details. Seine Sprache ist visuell und plastisch, seine Sprachgebilde geradezu haptisch.

Fehr - Kurz vor der Erlösung - Cover (1)

 

Michael Fehr: Kurz vor der Erlösung (2013)

Der gesunde Menschenversand

edition spoken script

ISBN 978-3-905825-51-0

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