Literatur: Norbert Scheuer – Die Sprache der Vögel

von Anne-Sophie Müller

„Unser Leben ist nicht wie das der Vögel, wir können uns nie so sicher sein wie sie. Unsere Sprache vergeht, wir treffen nie die richtige Melodie, weil unsere Gedanken und Gewohnheiten sich zu schnell ändern.“

Paul Arimond kommt 2003 als Sanitätsobergefreiter der ISAF nach Afghanistan. In den langen Wartezeiten zwischen den Einsätzen in der sengenden Hitze oder strengen Kälte, observiert und dokumentiert er die einheimischen Vögel. Ganz in Tradition seines väterlichen Vorfahren Ambrosius, dessen Aufzeichnungen über das Vogeldorado Afghanistan Pauls Interesse für gefährliche Orte wecken. Seine überbordende Passion, begleitet von Schuldgefühlen, den Hirnschaden seines besten Freundes verursacht zu haben, treibt ihn immer weiter an den Rand seiner eigenen Berechenbarkeit.

Arimonds Tagebuchnotizen erweisen sich als Close-ups der Monotonie des Lagerlebens. Doch der Krieg und seine Ausläufer- der permanente Raketenbeschuss oder schwer verletzte Soldaten- sind allein ‚Randfokus‘ des Protagonisten. Einzig die Vielfalt der Vögel, ihre präzise Bestimmung, ihr leichter Flug und ihre Sprache bewegen sein Innerstes zu gedankenverlorener und ausufernder Faszination.

Erinnerungen an Pauls Familie in aufregender Stille, die Freunde in splitternder Hilflosigkeit und die ernüchternden Kriegserlebnisse – Die Sprache der Vögel entpuppt sich als fragmentarische Atemnot, die mit jedem Absatz fühlbare Leerstellen hinterlässt: Zwischen dem Donnern des Krieges und dem leichten, vollendeten Singen der Vögel. Zwischen den beengenden traumatischen Erlebnissen der Heimat und der Suche nach dem Selbst. Zwischen dem umzäunten Lager und der geistigen Freiheit, in der Literatur – mit Zitaten von Thoreau, Emerson, Goethe; und nicht zuletzt in der luftigen Weite.

Sie können nicht überbrückt werden, zeigen aber eines: den Sieg der unerreichbar unberührten Natur über die alptraumartigen Strukturen des Menschen.

Der aufwendig recherchierte Roman mit Literaturverzeichnis führt Norbert Scheuer erstmals in den Mittleren Osten und zu einer Thematik, die, mit dem letztjährigen Schlussakt des ISAF-Einsatzes, nach einer neuen Verarbeitung schreit. Er verleiht der Kriegsauseinandersetzung mit dem bereits im ‚Scheueruniversum‘ tradierten Familiengeäst Arimond ein distanziertes Gesicht mit ornithologischer Naturperspektive. Auch ohne das Örtchen Kall kommt der Plot nicht aus. So führen Erinnerungsfetzen und Parallelstränge den Leser immer wieder zurück in die bekannte Eifelprovinz (u.a. Flußabwärts, 2002; Überm Rauschen, 2009; Peehs Liebe, 2012), wobei die vielschichtige Erzählstruktur auch ohne die retrospektive Sichtweise Pauls alter Lehrerin Helena auskommen würde.

Sprachlich in bekannter lakonischer Sparsamkeit, thematisiert er tiefsinnig die bedrückenden menschlichen Fehlbarkeiten, Auswirkungen von Traumata und den Wunsch die beengende Schwere des Menschseins abzustreifen, um sich in der federleichten, vom Winde getragenen Freiheit aufzulösen.

Begleitet werden die 237 Seiten mit wunderschönen Kaffeeaquarellen der Vögel, gezeichnet von Sohn Erasmus Scheuer, die die eindringliche Geschichte um ein erlesenes Detail erweitern.

Ein berechtigter Platz auf der Shortlist des diesjährigen Leipziger Buchpreises!

scheuerNorbert Scheuer

Die Sprache der Vögel

erschienen bei C.H.Beck, München 2015

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