Presseschau: Kultur & Gespenster #15

von Steffen Greiner

Durchatmen, es gibt sie noch. Kultur & Gespenster still und leise verabschieden zu müssen, wie ich es fast befürchtet habe, nachdem allzu lange Schweigen im Hause Textem zu herrschen schien, wäre wahrlich ein Verlust für die deutschsprachige Magazinlandschaft, unabhängig davon, wie viele kleine geile Sachen für den Coffee-Table da gerade nachwachsen: Immerhin das Heft, das einmal eine Ausgabe dem Nachdruck der Sagen, Märchen und Lieder der Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg von Karl Müllenhoff widmete, Ersterscheinen 1845 (#12, Märchen) und mit einer absurd schönen Sammlung von Fanpost an Teddy Adorno beglückte (#13, Stabile Seitenlage).

Ausgabe #15, im Februar erschienen, trägt den schon fast konzeptuellen Titel Ghostbusters und zitiert im Editorial das (ewig als intellektuelle Fundgrube unterschätzte) Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, um in fünf Themenblöcke einzuleiten: Abwehrriten werden beschworen. Bloß halbironisch „Das absolute Wissen“ getauft, steigt das erste Kapitel in die großen Fragen ein, die Gespenster stellen, „die uns aus der jüngeren Vergangenheit anfallen“ – es sind dies offenkundig die Gespenster, die die Taue stramm halten, die das Große Ganze mit Kunst & Kunstmarkt verbinden. Den Auftakt macht Into the White Cube von Philipp Felsch, ein Auszug aus dessen endlich ins Da-Sein getretenen Langen Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960-1990 (C.H.Beck), der die Bewegung der Theorie in die Kunst hin zur Mimesis nachzeichnet anhand der kleinen Bewegungen der Merve-Gründer*innen Heidi Paris und Peter Gente im Frühling des Jahres 1979, von Tunix nach Monte Verità. Natürlich geht es um Berlin, das sich in jenen Jahren, wie Blanchot schreibt, als Stein gewordener Poststrukturalismus präsentierte, ein Ort, der dem Gerücht vom Posthistoire ein kaltes, aber doch pervers verführerisches Gesicht zu geben mochte. Um Berlin geht es auch im schon beinahe historischen (2008!) Text von Roberto Orth, Die schöne Kunst und das Biest der deutschen Geschichte, der die Markenzeichen „deutsch“, „männlich“, „malerisch wild“ und „expressionistisch“ von Anselm Kiefer bis Jonathan Meese verfolgt – letzterer käme, behaupte ich einmal, heute sicher nicht so gut weg, von Berlin einmal ganz abgesehen, das in diesem Katalogtext zu einer Ausstellung in der Rubell Family Collection in Miami noch einmal ganz Magnet sein darf, aber durchaus spooky: „Nicht anderes ist das Ziel dieser Diskussion: der historisch lädierten Nation durch Rehabilitierung in der Kultur das zukommen zu lassen, was ihr als einer führenden Wirtschaftsmacht eigentlich zustände.“ Leider krankt der Text weitgehend an seinem Genre, wenn er sich lange einzelner Künstler annimmt – dankenswerterweise werden die Ausführungen zu Andy Hope 1930 ausführlich bebildert.

Wer bei jeglicher Art Berlin-Diskurs mittlerweile nur noch müde mit den Achseln zuckt – es sei denn natürlich, es ist, haha, Hochgeistiges im Spiel oder, im Gegenteil, schlimmer noch, nüchterner Smalltalk nötig, über den man sich schon im Aussprechen ärgert (und das betrifft möglicherweise alle Berliner*innen und somit einen angenommenen Großteil des Publikums von Kultur & Gespenster) – kann sich dann auf einen Blick in den Block „Das Gesetz des Herzens und der Wahnsinn des Eigendünkels“ freuen. Nora Sduns Weiterwursteln gibt nicht nur Einblick in den Betrieb einer Hamburger Galerie, sondern ist die beinahe Bernhardesk böseste Beschreibung von Alltag in Deutschland, die ich lange gelesen habe. „Für die Analyse von Konflikten haben Soziologen ein handliches Besteck entwickelt. Es gibt ‚Win-Win’- ‚Win-Lose’- und ‚Lose-Lose’-Situationen. Für den Bereich bildende Kunst könnte man den Baukasten erweitern um den wichtigen Bestandteil: ‚Weiterwursteln’“, wird prägnant erklärt – und dann geht es los. Einen ähnlich ungewöhnlichen Blick hinter die Kulissen des Kunstmarkts bietet der weniger böse, aber nicht weniger tolle Text von Sabine Falk, die beschreibt, wie Fabrikarbeit und Kunst in der Arbeitsbezeichnung ‚art fabricator’ zusammentreffen, an den Nahtstellen von eigenem künstlerischen Talent und handwerklicher Auftragsarbeit: Wie arbeitet man einen Jeff Koons?, fragt sie angesichts ihrer Anstellung bei der Firma, die den Prototypen für Koons Balloon Dog fertigte. Die Frage, ob „Koons nicht den Kapitalismus als solchen bebildert und ihm dabei Symptome in Form von Skulpturen“ abringe, werden sich nach der Lektüre nicht bloß Marxist*innen stellen: „Er entfremdet kulturelles und soziales Kapital, ohne das seine Skulpturen nicht fertigzustellen wären. Es fragt sich, was das für ein Kunstbegriff ist, der andere Menschen nicht Subjekte sein lassen kann.“

Es folgt: Ein skurriler Vergleich des deutschen Heimatfilms mit seinem britischen Pendant, in dem die Zombies und Satanisten auch als solche gezeichnet werden dürfen – Horror Heimat, heißt der amüsante (und amüsant bebilderte) Essay von Sebastian Burdach. Amüsant auch: Die Bildstrecke Und im Sommer tu ich malen von Hank Schmidt in der Beek. Der Freund der literarischen Fiktion wird zum Grande Finale mit einem auch ganz hübschen Text des bildenden aber ach: natürlich rundumschlagenden Hamburger Künstlers Stefan Sandrock beglückt, der letzte linke Student hingegen mit dem Glossary of Hand Gestures for Critical Discussions, als Plakat gestaltet von Jasmine Johnson und Alice May Williams, die, und damit ist die Leser*innenschaft in die Weiten des Netzes und an den nächsten Bahnhofskiosk – lohnt sich nämlich, diese Nummer Fünfzehn! – entlassen, sich zu allerköstlichstem wissenden Genuss ebenfalls hier verbreiten.

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