Kinder- und Jugendliteratur: Christoph Wortberg – „Der Ernst des Lebens macht auch keinen Spaß“

von Verena Lang

Abgesehen von dem Titel, den Kinder- und Jugendbuchauto Frank Reifenberg in der Zeitschrift eselsohr treffend als „hätte man dem Buch ersparen können“ bezeichnet, besitzt dieses Buch das seltene und kostbare Talent, dem Leser so nahezukommen, dass er zwischen den eigenen und den Gefühlen der Protagonisten praktisch nicht mehr unterscheiden kann.

Und dieses Buch lässt fühlen – vor allem das Gefühl des Scheiterns.

Lenny wächst mit seinem älteren Bruder Jakob in einer scheinbar wohlbehüteten Welt auf. Der Bruder ist der Augapfel der Eltern, perfekte Noten, erfolgreich im Sport, viele Freunde – bis sie ihn verlieren. Lenny glaubt aber nicht an den Bergunfall an der Zugspitze und bohrt nach – bis er entdeckt, dass sein Bruder nicht der war, der er vorgab zu sein. Denn er war nicht glücklich in der sozial vorgegebenen Enge, in dem goldenen Käfig, den seine Eltern ihm schufen, der aus einer vorgezeichneten Zukunft und unerreichbaren Erwartungen bestand. Er war so unglücklich, dass er sich umbrachte.

Jakob, ein junger Mann der sein Abitur besteht und eigentlich dabei sein sollte, sein Leben anzufangen, begeht Selbstmord. Wortberg gibt dem Leser weder Aussichten noch Ausschmückungen, kein ‚aber er hätte doch…‘. Er wollte nicht mehr, also beendete er sein Leben, vielleicht in seiner ersten eigenen und völlig frei getroffenen Entscheidung.

Eltern werden aufschreien, manche Pädagogen werden sicherlich mitziehen – ein Buch über Selbstmord! Das geht doch nicht! – Doch es geht. Und es muss. Der Ernst des Lebens ist auch kein Spaß verherrlicht keinen Selbstmord, er stellt ihn dar, völlig klar und deutlich. Wortbergs Sprache ist dabei so präzise und lyrisch, von den Naturbeschreibungen des oberbarischen Voralpenlandes, dessen sommerliche Hochblüte in krassem Kontrast zu den dunklen Gefühlen der Protagonisten steht, die in ihr leben, bis hin zu den philosophischen Dialogen die Lenny mit seinem toten Bruder führt.

Lenny bekommt keinen Abschiedsbrief von seinem Bruder, so wie wir auch nicht. Was bleibt ist die Frage, wie viele Kinder kennen wir, deren Zukunft von ihren Eltern schon im Babyalter festgelegt wurde? Und wie viele Kinder zerbrechen daran? Sicherlich nicht wenige.

Der Ernst des Lebens macht auch keinen Spaß ist ein Buch über einen jungen Mann, der sein Leben beendet, bevor es begann. Ein Entwicklungsroman über das Scheitern, über Verlust, Liebe und über die so oft vergessene Notwendigkeit der Autonomität – unserer Meinung nach ganz zu Recht für den Jugendliteraturpreis 2015 nominiert.

wortberg

Christoph Wortberg

Der Ernst des Lebens macht auch keinen Spaß

erschienen bei Beltz & Gelberg, Weinheim 2014

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